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Ich erinnere keine Farbe

Hannah Büttgen
26. Juni
2 Min. Lesezeit

Ich erinnere keine Farbe, keine Einzelheiten. Nur, dass gedämpftes Licht durch das Fenster fiel und die Äste des Baumes davor sich bewegten und das Licht mit ihnen. Ein bisschen Schmerz, aber kein Blut und kein Orgasmus. Die Membranpumpe, die das Aquarium mit Sauerstoff versorgte, zischte bedächtig. Es war, als hätten alle Fische ihre Augen auf mich gerichtet, als würde ihr ersticktes Getuschel über die Pumpe in die Luft gelegt werden.

 

Er fragte nicht, ob es okay sei, ob es weh tue, ob er aufhören solle, ob er irgendwas anders machen könne. Ich bin auch froh, dass er nichts fragte. Ich war jung und unsicher und wegen meines Jungseins und meiner Unsicherheit noch unfähig, solche Fragen bestimmt zu beantworten. Es wäre schön gewesen, hätte er mit mir gewagt, unmögliche Fragen zu beantworten, aber noch so viel mehr wäre schön gewesen, und es ist eben nicht schön gewesen, also gut.

 

Das Aquarium stand über einem grauen Sofa, auf dem wir zu Beginn gesessen hatten. Meine Eltern meinten, ich sei im Kino. Seinen war egal, was sei. Alles ging schnell: unsicheres lachen, ein Arm um die Schultern, der erste Kuss, eine feuchte Zunge, die sich an den Zähnen vorbeidrückt, ein paar starke Arme, die mich anheben, durch den Raum tragen, aufs Bett werfen.

 

Ich möchte nicht in Details baden, das wäre nicht schön. Nur so viel: Bauchlage, Zähne im Kissen vergraben, ein feuchtes Kissen, ein salziger Geschmack auf der Zunge. Ein Stechen in der Brust

 

Ich hörte mir eine Weile beim Atmen zu, um nicht dem Rhythmus der Stöße folgen zu müssen. Ob es schnell ging, weiß ich nicht. Das ist doch aber immer das Ding mit Sex, ist er gut, ist er zu kurz, ist der schlecht, ist er zu lang, langer guter Sex wird schlecht und kurzer guter auch, schlechter bleibt schlecht. Das wühlt mich alles zu sehr auf.

 

Was zählt ist, dass es vorüber ging, dass ich den Bus, die Linie EW2, nach Hause nahm, dass er mich nachts belagerte, dass er eine Freundin hatte, die er liebte, dass ich wirklich nie in ihn verliebt war, dass jedes Härchen meines Körpers sich in seiner Gegenwart lediglich aufstellte, weil er eine giftige Zunge hatte, weil ich Angst hatte, vergiftet zu werden, weil sowieso jeder Bissen bitter war. Ich habe es nie wieder mit ihm getan. Es gibt da jetzt nur noch den einen, der alles ist, bei dem es nur süß, nie bitter schmeckt. Und salzig nur, wenn er zu lange fernbleibt.


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hannah büttgen (sie/ihr), 2001 in eschweiler geboren, studiert neuere deutsche literatur an der fu berlin. derzeit absolviert sie ein volontariat beim limmat verlag in zürich. nebenbei schreibt sie journalistische artikel, kurzprosa und gedichte.

 
 
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