schön / unschön / hässlich
Aktualisiert: 26. Juni
«was ist eigentlich schön?», fragst du mich. Deine Zunge sucht halt auf deiner Unterlippe. Ich werde dir diese Frage nicht beantworten können, so wie du sie beantwortet haben willst.
«Schön ist alles, du musst es nur von der richtigen Perspektive betrachten.», sage ich und schau dich dabei an. In deinen Augen sehe ich wie die Worte in verschiedene Perspektiven gesetzt werden.
«Weisst du…», beginne ich. «…manche sehen nur der Schatten, nie das Ganze. Sie trauen sich nicht zu, das Ganze zu sehen.»
«Siehst du das ganze?»
«Manchmal, ja.»
Du hast dich auf den Bauch gedreht und malst Linien und Formen auf meinen Bauch.
*
Heute morgen habe ich die vierzehnte Tablette geschluckt. Zwei Wochen auf Antidepressiva. Schluck für Schluck jeden Morgen schlucke ich die Depression weiter runter. Sie wird weggespült, aber wohin? Irgendwie komisch, dass sie so lange da war, wie eine unsichtbare Gestallt neben mir auf der Couch sass. Wir waren wie ein mühsames verliebtes Pärchen, das die Hände nicht voneinander lassen könnte. Jetzt sitze ich da allein, ohne Stimme, die mich zwingt, gebückt zu gehen, der Blick immer auf dem grauen Asphalt.
«Mika, Sie müssen sich trauen loszulassen.», meinte meine Therapeutin. Ich sass auf dem schwarzen Ledersessel und weinte. Wie soll ich jemand loslassen, den ich gar nie gesehen hab und doch noch nie weg war?
An manchen Tagen fühlt es sich so an, als müsste ich die Nabelschnur zwischen uns durchschneiden, die uns genährt hat. Ich möchte ja selbst gehen können, aber so ganz ohne sie?
«Was fühlen sie?»
Ich merkte, wie ich die Haut über dem Nagen blutig gekratzte. Nichts und doch zu viel. Nichts wofür es Wörter, Sätze im Wörterbuch gibt, die nachgeschlagen werden können. Und dann nachts, wenn die Geister unter meinem Bett lauern, fühl ich alles. So viel, dass ich mir alles aus dem Kopf schlagen möchte.
*
«was findest du schön?»
«Hier?»
«Ja, zum Beispiel.»
Ich schaue dich an, dann auf das Meer, die Düne hinter uns.
«Alles», sage ich und meine damit, dich, uns, das zwischen uns. Das ist das Schönste, was ich jemals erleben werde, denke ich. Ich fühle dich, wie dein Kopf auf meinem Bauch liegt, wie dein Lachen durch meinen Körper vibriert, wie deine Zähne aufeinander reiben.
Du lernst mir ein neue Art des Fühlens.
«Und du?», frage ich dich zurück.
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stephanie lena (sie/ihr) 2004 in biel/bienne geboren. hat vor zwei Jahren ihre ausbildung in bern beendet und schreibt nun an ihrem debüt. sie hängt irgendwo zwischen dem traum frei sein zu können und der suche nach einem zuhause in einer welt, die oft zu laut und zu schnell ist. schreiben bedeutet für sie innezuhalten, ihren geschichten einem atem zu geben und sich selbst ein stück näher zu kommen.



